In der EXTRA TIPP-Sommerserie geht’s diesmal um Zucker-Verzicht

Anders leben - Teil 5: Eine Woche ohne Zucker

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36 Kilo Zucker isst der Deutsche durchschnittlich pro Jahr. Ob in Brot, Ketchup oder Sojasoße: Überall lauert der weiße Süßstoff.

Region Rhein-Main - In unserer Sommer-Serie "Anders leben" hat Redakteurin Kristina Bräutigam versucht, eine Woche komplett auf Industriezucker zu verzichten. Und das war gar nicht so einfach. Von Kristina Bräutigam

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Zucker ist ungesund. Das weiß mittlerweile jeder. Ein zu hoher Konsum führt zu Karies und Übergewicht und erhöht das Risko, an Krebs und Demenz zu erkranken. Trotzdem isst der Durchschnittsdeutsche rund 100 Gramm Zucker täglich. Das macht 36 Kilo pro Jahr. Gesund sind laut Weltgesundheitsorganisation aber nur 20 bis 40 Gramm Zucker pro Tag. Ich will’s wissen und eine Woche komplett auf Industriezucker in jeglicher Form verzichten. Zucker, der natürlicherweise in Lebensmitteln wie Obst und Milch vorkommt, werde ich nicht streichen, da ich auf die Vitamine nicht verzichten will.

Das Dilemma beginnt beim Frühstück: „Ist da Zucker drin?“, frage ich die Bäckereifachverkäuferin vor dem Kauf des Vollkornbrötchens. „Das nehme ich mal an“, lautet die Antwort der Verkäuferin. Ich verzichte. Weil auch das abgepackte Vollkornbrot zuhause und der Toast Zucker enthalten, backe ich mir abends ein Brot mit Bio-Backmischung selbst. Bei der Arbeit gibt es mittags Naturjoghurt mit Apfel und Johannisbeeren. Dazu Haferflocken, denn mein Lieblingsmüsli ist eine Zuckerbombe. Gegen den Heißhunger gibt es Bananen, Cashew-Kerne und Möhren. Das Snickers an der Lidl-Kasse schreit „Iss mich“. Aber ich halte durch. 

Fotos: Eine Woche zuckerfrei leben

Richtig anstrengend wird der Zucker-Verzicht bei spontanen Unternehmungen: Ein Eis oder ein Stück Kuchen mit Freunden? Tabu. Der obligatorische Löffel Zucker im Latte Macchiato? Verboten. Als Zucker-Vermeider fühle ich mich ausgegrenzt. Ich frage mich, wie Veganer soziale Wesen bleiben können.

Am dritten Tag gehe ich mit meinem Freund essen. Normalerweise würde ich einen Burger bestellen. Aber Ketchup und Brötchen strotzen nur vor Zucker, selbst das Gürkchen dürfte ich nicht essen. Auf der Karte bleibt nicht viel übrig. Nur ein italienischer Salat mit Essig und Öl. Ich bin genervt. Die nächsten Abende koche ich deshalb selbst. Wer alles frisch und selbst zubereitet, weiß eben auch, was drin steckt.

Pünktlich zur Tagesschau will mein Körper Süßes

Richtig schlimm wird es um 20 Uhr: Pünktlich mit dem Gong der Tagesschau verlangt mein Körper nach Zucker. Hätte ich nichts vorrätig, wäre es leichter. Aber ich lebe nicht allein und muss ansehen, wie mein Liebster einen Schokokuss isst. Ich frage mich, ob man süchtig sein kann nach Zucker. Aber an Tag vier stelle ich fest: Es ist die Gewohnheit, die mich zum Süßen greifen lässt. Das Verlangen lässt nach.

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Beim Einkaufen geht nichts ohne das Lesen der Zutatenliste: Zwar esse ich ohnehin gesund, statt Fertiggerichte aufzuwärmen koche ich oft und gerne. Und trotzdem gibt es viele Lebensmittel, in denen ich nie Zucker vermutet hätte, zum Beispiel In Salami oder Krautsalat. Ob bio oder nicht macht übrigens keinen Unterschied: Sechs Stück Würfelzucker stecken in der Salami-Pizza von Alnatura.  Was ich noch lerne: Auch Dextrose, Gerstenmalzextrakt, Glukose oder Traubensüße sind nichts anderes als Zucker. Allerdings tauchen diese Süßungsmittel nicht als Zucker in der Nährwerttabelle eines Lebensmittels auf, sie stehen nur in der Zutatenliste. Klarer Fall von Verbrauchertäuschung.

Fazit: Selbst kochen und bewusst sündigen

Mein Fazit: Eine Woche ist natürlich viel zu kurz, um festzustellen, welchen Effekt der Zucker-Verzicht auf Körper und Psyche hat. Aber das Experiment hat gezeigt: Wer sich nicht von der Lebensmittelindustrie täuschen und ständig versteckten Zucker zu sich nehmen wissen will, muss selbst kochen und möglichst wenig industriell weiterverarbeitete Lebensmittel essen. Mir wurde aber auch klar, dass ich mich nicht dauerhaft geißeln will. Menschen, die sich täglich mit immer gesünderen Ernährungsweisen zu überbieten versuchen, gibt es genug. Solange man informiert ist und Zucker in Maßen konsumiert, finde ich das okay. Deshalb hab ich mir am letzten Abend ein dickes Eis gegönnt – ganz ohne schlechtes Gewissen und sehr zur Freude meiner Freunde.

Und hier geht‘s zur Einleitung in die Sommerreihe

Wenig Zucker und Fett: Eis-Kreationen mit wenig Kalorien

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