EXTRA TIPP-Sommerserie: Drei Tage beten wie ein Mönch

Anders Leben - Teil 6: Ein Mittags-Schläfchen für den Geist

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Redakteur Christian Reinartz liest in der Heusenstammer Barock-Kirche St. Cäcilia das Stundengebet.

Region Rhein-Main – Von einem Termin zum nächsten, recherchieren, schreiben. Als Journalist ist es eigentlich nie ruhig. Zeit, mal das absolute Gegenteil auszuprobieren. Redakteur Christian Reinartz hat drei Tage lang gebetet wie ein Mönch – und dabei eine Erleuchtung gehabt. Von Christian Reinartz 

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Leicht ist es nicht, das Leben als Mönch. Das weiß ich als ordentlich katholisch erzogener Freizeitchrist auch schon, bevor ich das erste Mal das Morgengebet gesprochen habe. Und es werden viele folgen. Daran lässt Bruder Paulus, Guardian des Kapuzinerklosters Liebfrauen in Frankfurt, keinen Zweifel. Er ist sozusagen mein Mentor für diese drei Tage als Mönch light in der EXTRA TIPP-Sommerserie „Anders Leben“. Er hat für mich einen Plan erstellt. Ich werde meinen normalen Alltag bewältigen und dabei beten wie ein Bruder. Wenn Paulus vom Beten spricht, klingt das wie schwimmen gehen oder eine spannende Serie gucken, eben irgendwas, das Spaß macht. So richtig vorstellen kann ich es mir nicht. Zu dröge ist die Erinnerung an endlose Nachmittage als Zivildienstleistender in einer katholischen Pfarrgemeinde. Das war 1998. Beim dienstäglichen Dienstgespräch wurde immer gebetet. Mindestens eine halbe Stunde. Langweilig! 

Damals hat es mich genervt, warum also versuche ich das hier überhaupt? Was soll’s, Stundengebetsbuch auf den Nachttisch und den Wecker gestellt. Auf 6.45 Uhr. Richtig gehört. Nix mit Morgenandacht um vier. Der Kapuzinermönch von heute schläft quasi gemütlich aus. Hauptsache er schafft’s pünktlich um sieben Uhr zum Morgengebet. Trotzdem, lieber Gott: Gib mir die Kraft, das hier einigermaßen durchzuhalten!

Fotos: Die Eintracht-Gebete von Bruder Paulus

Tag 1: Das Aufstehen war schonmal nicht schwerer als sonst auch. 15 Minuten Badezimmer, dann startet die morgendliche Laudes, das Morgengebet. Ich bete online mit. Viele Mönche machen das, hat Bruder Paulus gesagt. Schau’n wir mal, ob es der Geist Gottes auch durch Offenbachs Glasfaserkabel schafft. Die ersten fünf Minuten sind ganz interessant – und beruhigend. Einer betet vor, die anderen beten nach. Hört sich ein bisschen seltsam an, wenn ich in meinem Arbeitszimmer laut vor mich hinbete. Dann werde ich abgelenkt. Am Kaktus haben sich Fruchtfliegen breitgemacht. Ich beginne sie zu zählen. Bei sieben angekommen, reiße ich mich zusammen. 

Frühstück verpasst

Ich konzentriere mich wieder auf den Live-Stream der Abtei, die gerade heute dran ist. Für Mönche bestimmt spannend, ich schau lieber die aktuelle Folge von „Fear the Walking Dead“. Ist ja quasi auch eine moderne Bibelgeschichte. Nach 30 Minuten ist das Ganze vorbei. Ich hab das Frühstück verpasst. Egal! Das Mönchsleben ist halt kein Zuckerschlecken. Auf in die Redaktion. Mittags geht’s weiter. Während die Kollegen gemeinsam zum nahegelegenen Discounter stapfen, öffne ich auf der roten Couch der EXTRA TIPP-Redaktion die Stundengebets-App. 

Herr, lass Abend werden! Doch was Bruder Paulus sein ganzes Leben lang hinbekommt, werde ich ja wohl drei Tage lange durchhalten. Ich zwinge mich, die Zeilen zu lesen. Langsam. Bedächtig. Bemüht, jedes Wort und seine Bedeutung zu verstehen. „Du starker Gott, der diese Welt im Innersten zusammenhält, du Angelpunkt, der unbewegt den Wandel aller Zeiten trägt.“ Irgendwie bete ich mich in Trance. Ruckzuck ist eine halbe Stunde rum. Eine Minute später höre ich die Kollegen auf dem Gang. Amen.

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Am frühen Abend dann eine Aufgabe, die Überwindung kostet. Bruder Paulus sagt, zum Mönchsein gehöre auch eine tägliche Tat der Nächstenliebe. Ich spreche also auf dem Nachhauseweg einen Bettler an, der direkt am Offenbacher Marktplatz sitzt, frage ihn, ob er etwas braucht. Einen Kaffee würde er gerne trinken, sagt er. Ich hole einen Cappuccino XXL mit Zucker, bringe ihn dem Mann, verabschiede mich. Das Stundenbuch ruft.

Tag 2: Ich habe super geschlafen, wache morgens früh um 6.45 auf, kurz bevor der Wecker klingelt. Irgendwie fühle ich mich so entspannt. Ich schiebe das der Tagesform zu, gehe duschen und Zähneputzen. Und ertappe mich dabei, dass ich mich ein bisschen auf die nächste halbe Stunde mit meinen Mönchfreunden in der Erzabtei Sankt Ottilien freue. Die halbe Stunde geht rum wie nix. Fliegenzählen war gestern. Ich will testen, ob sich der Ruhe-Effekt noch vergrößern lässt. Er lässt. Völlig entspannt radele ich durch die morgendliche Frische des beginnenden Sommertags in die Redaktion. Die Welt ist schön. Mittags halte ich mein Stundengebet auf einer schattigen Parkbank. Herrgott, bin ich entspannt.

Abendgebet geschwänzt

Auf dem Weg zurück in die Redaktion ist einer Omi die Einkaufstüte vom Fahrrad gefallen. Ich beschließe, die Nächstenliebe-Übung vorzuziehen und sammle die weggekullerten Tomaten wieder ein. Ich schiebe ihr Fahrrad noch ein Stück, während sie ein bisschen was über Offenbach erzählt. Vor der Redaktion trennen sich unsere Wege. Ich glaube, sie hat sich über das Gespräch gefreut. Rest des Tages: Die Ruhe hält an. Das Abendgebet schwänze ich. Schaue lieber die Zombie-Serie weiter. Hat mich auch entspannt.

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Tag 3: Schon wieder gut geschlafen. Nennt mich Bruder Christian! Das Morgengebet ist fast schon Routine geworden. Bruder Paulus kann stolz auf mich sein. Ich kriege mittlerweile sogar die schwermütige Betonung hin. Der Rest ist immer gleich. Wie das eben so ist, bei einer guten Meditation. Und nächstenlieb bin ich auch wieder, rufe eine ehemalige Arbeitskollegin an und höre ihr einfach zu. Die freut sich über den unerwarteten Anruf. Als am Abend das letzte Amen des Tages verklingt, ist mir fast etwas wehmütig. Bruder Paulus Lehrplan hat Wirkung gezeigt. Er hat’s gesagt, ich hab’s gemacht. Und es war gut.

Ausgeruht und voller Tatendrang

Fazit: Beten ist effektiv. Und funktioniert auch, wenn jemand gar nicht an Gott glaubt. Die Verse wirken beruhigend, schaffen Struktur im Alltag, Inseln der Ruhe. Sie sind sozusagen ein Mittagsschläfchen für den Geist. Danach fühlt man sich ausgeruht und ist voller Tatendrang. Der Preis ist allerdings hoch. Würde ich im Alltag so weiterbeten, wären ziemlich bald ziemlich viele Menschen sauer auf mich. Kein gemeinsames Frühstück mit meiner Frau. Keine Mittagspause mehr mit Kollegen. Und mit Freunden abends zu feiern wäre nicht möglich. Trotzdem haben mir diese drei Tage eine Erleuchtung gebracht: Beten ist eine echte Geheimwaffe in stressigen Zeiten. Sozusagen die Handbremse an der Gedankenachterbahn.

Fotos: Redakteurin im Selbsttest  

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