Internationale Hersteller reißen sich um ihn

Offenbacher Designer Sebastian Herkner über Ikea und Trends

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Um ihn reißen sich internationale Premium-Marken: Sebastian Herkner, Designer aus Offenbach, ist der Liebling der Szene. 

Offenbach - Der Offenbacher Sebastian Herkner ist der Überflieger der Design-Szene. Internationale Hersteller reißen sich um den 35-Jährigen. Im Interview erzählt er, warum der Kachelcouctisch gar nicht so schlimm ist und welche Möbel im Trend liegen. Von Kristina Bräutigam

Herr Herkner, Sie kommen aus der Kurstadt Bad Mergentheim, jetzt reisen sie nach New York, London, Mailand, internationale Premium-Marken reißen sich um Ihre Entwürfe, Sie halten Vorträge und bereiten Ausstellungen vor: Überrascht Sie der Erfolg?

Der wachsende Erfolg macht mich manchmal sprachlos, ja. Aber er kam nicht über Nacht. Auf mein Ziel, als selbstständiger Designer zu arbeiten, habe ich lange hingearbeitet. Ich hatte eine Assistenz an der Hochschule für Gestaltung, die ersten Jahre in Mailand habe ich in einer umgebauten Garage gewohnt. Heute zahlen mir die Firmen das Hotel.

Den Durchbruch haben Sie 2009 mit dem„Bell Table“ geschafft, einem Beistelltisch mit mundgeblasenem Glassockel und Messingaufsatz. Die günstigste Variante kostet 1700 Euro. Für viele Leute unerschwinglich...

Ich weiß, dass die Zielgruppe klein ist. 95 Prozent meiner Freunde können sich den Tisch nicht leisten. Aber der Tisch ist auch kein Trendprodukt, nicht für den Massenmarkt, sondern in echter Handarbeit in Bayern hergestellt. Er soll mit dem Besitzer altern. Billig kaufen und nach ein paar Jahren wegwerfen, dieses Konsumverhalten entspricht nicht meinem Verständnis von Wertigkeit.

Trotzdem kaufen die Leute am liebsten bei Ikea. Finden Sie das verwerflich?

Nein, auch ich habe Ikea-Möbel. Ikea ist für viele Menschen eine Möglichkeit, gut gestaltete Produkte für moderates Geld zu bekommen. Ich finde es wichtig, dass die Wohnung eine authentische Note hat. Wer Ikea-Möbel mit Dingen vom Flohmarkt oder Erbstücken mixt, warum nicht.

Immer mehr Menschen legen sich teure Design-Klassiker zu...

Die Leute kaufen sich Sicherheit. Diese Stücke sind Prestigegenstände, deren Wert und Mehrwert bekannt ist. Das ist jedoch eher langweilig und wenig individuell.

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Gibt es denn einen typisch deutschen Einrichtungsstil?

Es ist wie mit der Mode: Die Deutschen kaufen sicher, praktisch, zeitlos. Nicht das senffarbene Sofa, sondern das graue, beige. Das ist schade. Die Franzosen oder Engländer haben da mehr Mut. In diesen Ländern wird auch eher der Interieur-Designer für die Gestaltung der eigenen vier Wände beauftragt.

Und wie ist der Designer Sebastian Herkner selbst eingerichtet?

Persönlich, mit vielen Dingen, die ich von Reisen mitbringe. Das kann mal ein Besen sein oder ein schöner Korb. Ich benutze die Dinge auch, etwa die Emailleschüssel aus Simbabwe, für die Vorspeise, oder Schalen aus Thailand für den Nachtisch. Das finde ich viel schöner als ein einheitliches Service. Ich bin kein Minimalist. Alles in Weiß und penibel arrangiert ist nicht meins.

Gibt es etwas, das sich niemals in Ihrer Wohnung finden wird?

Eine Kuckucksuhr kommt mir nicht an die Wand. Und ein Kuchenbuffet, schrecklich. Oder transparente Kunststoffstühle, diesen Trend habe ich noch nie verstanden.

Was ist mit dem guten alten Kachelcouchtisch?

Tatsächlich haben wir erst vor Kurzem einen Kachelcouchtisch für ein niederländisches Unternehmen entworfen, allerdings mit einem schlichten Metallgestell, auf dem handgestrichene Kacheln liegen. Ich mag es, gegen den Strom zu schwimmen, weil es viel spannender ist, als Trends zu folgen.

Gibt es trotzdem einen aktuellen Trend, wenn es um die Wohnungseinrichtung geht?

Traditionelle Möbeltypologien kommen zurück. Möbel, die Gemütlichkeit und Geborgenheit ausstrahlen wie der Schaukelstuhl, die Récamière oder der schwere Ohrensessel, neu interpretiert.

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Die Szene feiert Sie, weil Sie neueste Technologien mit traditioneller Handwerkskunst verbinden. Warum liegt Ihnen das Handwerk so am Herzen?

Man sieht am Beispiel der Stadt Offenbach, dass das Handwerk, das Wissen immer mehr verschwinden. Lederstadt steht auf den Schildern, aber es gibt höchstens noch ein, zwei Manufakturen. Ich finde das schade. Handwerksprodukte haben eine gewisse Ehrlichkeit. Gerade in unserer Kunststoff-Welt besteht eine Sehnsucht nach echtem Material, nach Oberflächenstruktur, nach Handschmeichlern. Man will wieder den schweren Holztisch mit Macken oder eine Tasche aus Leder, die speckig wird.

Sie sind die Hälfte des Monats in der Welt unterwegs. Werden Sie Offenbach den Rücken kehren?

Nein. Ich finde, Offenbach hat sich über die Jahre sehr positiv entwickelt. Es gibt tolle Ecken, man muss sie nur entdecken. Ich schätze die kulturelle Vielfalt und deren Facetten. Man muss offen und neugierig sein, mit dem Fahrrad abgelegene Straßen und ihre kleinen Geschäfte zu suchen. Das ist wichtig, nicht nur für die Arbeit eines Designers.

Mit welchem Produkt wird Sebastian Herkner als nächstes für Furore sorgen?

Wir machen das Interieur für das Erdgeschoss im Alsterhaus in Hamburg. Und ein Schreibgerät würde mich reizen. Aber darüber darf ich leider noch nicht sprechen.

Infos zur Person

Sebastian Herkner, geboren 1981 in Bad Mergentheim (Baden-Württemberg), studierte an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (HfG). 2007 machte er sein Diplom, bereits 2006 gründete er sein eigenes Studio. 2011 gewann Herkner den Designpreis der Bundesrepublik als bester Newcomer. Herkner arbeitet für internationale Hersteller im Bereich Möbel, Leuchten und Accessoires.

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