Ein Lkw-Fahrer über seinen harten Job auf der Straße

Staus, Stress, keine Parkplätze: Ein Brummifahrer packt aus

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Michael Wessner vor seinem 40-Tonner. „Der Job ist härter geworden“, sagt der 56-Jährige.

Region Rhein-Main - Staus, Termindruck, zum Duschen auf dem Rastplatz: Für Lkw-Fahrer Michael Wessner ist das Alltag. Seit 35 Jahren sitzt er auf dem Bock. Er liebt seinen Job. Aber das Leben auf der Straße wird immer härter. Von Kristina Bräutigam

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Montagnacht hat es wieder einen Kollegen erwischt: Ein Kühllaster ist auf der A3 umgekippt, der Fahrer wird schwer verletzt. Michael Wessner hört die Meldung im Radio, Zeit sich Gedanken zu machen hat er nicht.hat er nicht. Ein Baumarkt in Frankfurt wartet auf seine Lieferung, die Autobahn ist voll, die Zeit drängt. „Schlimme Unfälle gibt’s jeden Tag. Die Angst, die verdrängt man“, sagt er, während er seinen 16,50 Meter langen 40-Tonner über die A3 steuert.

Michael Wessner, 56 Jahre alt, Vater von zwei Söhnen, fährt seit 35 Jahren Lkw. Von Montag bis Freitag sitzt er auf dem Bock, mindestens 13 Stunden ist er auf der Straße unterwegs. Frankfurt, Wien, Prag, Berlin, Holland in einer Woche, das ist Alltag für den 56-Jährigen, der seit eineinhalb Jahren für die Spedition Schmitt in Seligenstadt fährt.

Ein Bürojob, das wäre nichts für ihn. „Ich mache meinen Job immer noch gerne. Auch wenn sich vieles verändert hat“, sagt Wessner. Technik wie Spurhalter, Notbrems-Assistent, Navigationsgerät und Standklimaanlage erleichtere das Brummileben. „Früher bist du im Sommer mit nacktem Oberkörper, Handtuch um den Hals gefahren. Und in der Hand den Stadtplan“, erzählt Wessner. 

Osteuropäische Fahrer drücken die Preise

Die Schattenseiten seines Jobs sind immer mehr Verkehr und Baustellen, ein gewaltiger Termindruck und osteuropäische Fahrer, die die Preise drücken. „Die arbeiten für weniger als die Hälfte meines Gehalts“, sagt Wessner und erzählt von Polen und Bulgaren, die kein Wort Deutsch sprechen, während der Fahrt in Plastikflaschen pinkeln, drei Monate im Lkw leben. „Natürlich sind die Leute ein Problem für unsere Branche. Aber das sind arme Schweine, die ausgebeutet werden“. 

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Weniger Verständnis hat Wessner für den Fahrstil der osteuropäischen Kollegen. „Da wird trotz Verbot in Baustellen überholt, das ist Wahnsinn. Teilweise herrscht Krieg auf der Autobahn“. Gekämpft wird auch um die wenigen Lkw-Parkplätze an Raststätten. Wer nach 18 Uhr kommt, hat keine Chance, sagt Wessner. Da die Fahrer aber ihre Lenkzeiten einhalten müssen, bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als ihre Sattelzüge gefährlich nah an Ausfahrten abzustellen oder kostenpflichtig auf dem Autohof zu parken. 

In diesem Bett direkt hinter dem Fahrersitz schläft Michael Wessner unter der Woche.

Michael Wessner kennt meist einen Supermarktparkplatz oder ein Industriegebiet, wo er übernachten kann. Das Bett befindet sich hinter dem Fahrersitz, auch einen Kühlschrank und eine Kaffeemaschine gibt es an Bord. Geduscht wird auf dem Rasthof, spätestens am zweiten Tag. „Das ist mir genauso wichtig, wie Zähneputzen und gesunde Ernährung“. Jeden Abend telefoniert er mit seiner Lebensgefährtin. Eine gescheiterte Ehe hat er bereits hinter sich. „Wie 80 Prozent aller Fernfahrer“, sagt Wessner. Dass Brummifahrer in jeder Stadt eine Geliebte haben, sei ein Klischee. „Dafür hat keiner Zeit“.

6,5 Millionen Bienen als Ladung

Einen schlimmen Unfall hat der 56-Jährige noch nicht gebaut. Auch seine bislang spektakulärste Fracht hat er heil ans Ziel gebracht: 6,5 Millionen Bienen, im Kühlauflieger von Hanau in die Spreewaldheide. Sein Alltag diese Woche sind Baustoffe, Papier und Getränke für einen Discounter. Früher hat das Personal abgeladen, heute muss Michael Wessner das oft selbst tun. Das kostet ihn Zeit, genau wie die vielen Staus

Er versucht, sich nicht zu ärgern. Weder über Mittagspausen, die ausfallen müssen, noch über drängelnde Autofahrer. Seine beiden Söhne hätten sich für einen Job in der IT-Branche entschieden, erzählt Wessner. Traurig darüber sei er nicht. „Meinen Job würde ich ihnen heute nicht mehr empfehlen.“

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