In der EXTRA TIPP Sommerserie geht’s heute um den Verzicht auf Schuhe

Anders leben - Teil 3: Freiheit für unsere Füße!

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Ihm zieht’s die Schuhe aus!

Region Rhein-Main – In unserer Reihe „Anders leben“ hat Redaktionsleiter Axel Grysczyk drei Tage lang auf Schuhe verzichtet. Befürworter behaupten, das natürliche Laufen sei wie eine kostenlose Fußreflexzonen-Massage und helfe gegen Rückenschmerzen.Von Axel Grysczyk

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Die ersten Gegner des Barfußlaufens liegen im Hof. Massiv treten sie auf dem Weg zur Biotonne auf. Kleine, spitze Steinchen, die ansonsten so schön unter den Schuhen knirschen. An diesem Morgen verachte ich sie. Nochmal schnell den Biomüll runterbringen und dann schnell zur Arbeit, das funktioniert barfuß nicht.

Es geht langsamer, weil ich mich über und durch die Steinchen balanciere. Aber es geht. Und das ist die erste Erkenntnis: Denn sehr schnell lerne ich mein Schritttempo anzupassen und den Fuß bewusster zu setzen, um Schmerzen zu vermeiden. Und: Ich gewöhne mich rasend schnell ans Barfußgehen.

Ums gleich vorweg zu nehmen: Ein Riesen-Lob an Städte und Gemeinden. Denn selbst als ich durch Innenstädte oder über Wiesen barfuß laufe, finde ich nur selten Scherben oder spitzkantigen Müll. Intensiv nehme ich die Temperatur wahr. Mit Schuhen ist es gleich. Man hat warme Füße, ob’s morgens 15 Grad oder nachmittags 25 Grad sind – meine ansonsten eingezwängten Füße haben’s stets mollig.

Fotos: Redakteurin im Selbsttest  

Barfuß ist das anders. An der Fußgänger-Ampel stehen und auf Grün warten kann zur Tortur werden. Überall ist Asphalt, der sich in der Mittagssonne dermaßen aufheizt, dass sogar der kleine Schatten, den die Ampel wirft, Abkühlung bringt. Erst wer barfuß bei Sonnenschein im August läuft, fühlt am eigenen Leib – zumindest unter den Fußsohlen – wie fast alles zugeteert ist.

Ganz neue Wahrnehmung

Gefahren lauern überall

Jeden Luftzug spüre ich. Jede Temperaturschwankung nehme ich über meine Füße wahr. Das Feuchte im Park am Morgen, den wärmenden Asphalt nach Sonnenuntergang und den herrlich weichen, aber temperaturunempfindlichen Waldboden bei einem Spaziergang am Spätnachmittag – alles wird über die Füße ganz neu wahrnehmbar. Und keine Angst: Ich erkälte mich nicht. 

Die meisten Infekte werden sowieso durch Viren oder Bakterien ausgelöst. Mehr noch, Experten meinen, dass die Muskelarbeit durch das Barfußgehen und die wechselnden Temperatur-Reize Körperwärme erzeugen und somit die Abwehrkräfte stärken. Fest steht: Es ist manchmal kühl, aber ich friere in den drei Tagen nicht an den Füßen. Und das obwohl es am Abend des 10. August draußen nur elf Grad waren.

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Ein bisschen Überwindung ist dabei. Erster Tag im Büro, 11.30 Uhr: Die erste Flasche Wasser ist ausgetrunken. Die Blase meldet sich. Ups, ich muss mit meinen nackten Füßen ins Männerklo. Es ist das gleiche Gefühl wie damals, als ich als Achtjähriger zum ersten Mal auf dem Fünfmeterbrett stand. Ein mulmiges Gefühl, dann kostet es Überwindung, aber letztendlich ist die Neugier auf die Erfahrung danach größer, als dass ich vor der Klotür kapituliere.

Zweiter Tag, Barfuß-Fahrt vom Büro nach Hause, der Tank ist leer. Die Tankstelle, die ich ansteure, hätte nicht gerade einen Umweltpreis gewonnen. Zudem hat ein Kunde zuvor wohl den Tank zu voll gemacht und dafür gesorgt, dass der Tankstellenpächter mit Sägespäne den Bereich rund um die Zapfsäule großflächig eingedeckt hat. 

Die Tankstellenkassiererin stört’s nicht

Ich achte darauf, nicht in die benzindurchtränkten Sägespäne zu tappen. Genauso wie ich aufpasse, wenn ich durch den Park gehe, nicht in ungeöffnete Kastanien zu treten oder beim Gang durch die City nicht in weggeworfene Zigaretten zu latschen. Eine Unachtsamkeit, und es ist passiert: Zack, die noch feuchten Späne pappen unter dem Fuß. Kurz an der Kante der Ladentür abgestrichen und weiter geht’s. Die Tankstellenkassiererin stört’s nicht.

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Es stört anscheinend sowieso niemanden, wenn man barfuß läuft. Als ich im Supermarkt einkaufe, im Restaurant esse oder abends durch meinen Heimatort streife, weil ich noch ein Eis esse – in Zeiten von Hals-Tattoos oder grünen Haaren fallen Barfußläufer kaum mehr auf. Ich werde zum Barfußfan. Die Frage, welche Schuhe ich anziehe, entfällt. Ich nehme alles bewusster wahr, weil ich genauer auf die Umgebung achte, intensiver spüre und weiche Waldwege noch viel mehr wertschätze. 

Kein Schweiß und Mief

Es ist verblüffend, wie schnell ich mich ans Barfußlaufen gewöhne. Auch wenn ich weiß, dass nach drei Tagen meine Plattfüße das Fußgewölbe nicht wieder aufbauen, ist es angenehm. Keine Druckstellen, kein Bedürfnis die Füße hochzulegen, kein Schweiß und kein Mief. Der Dreck lässt sich leicht mit der Brause abspülen. Barfuß fühlt sich nach mehr Freiheit an.

Es ist der Abend des dritten Tages, das Ende des Experiments, das nicht schwer fiel. Ich gehe zum Klettern. Meine von der Freiheit verwöhnten Füße müssen in enge, gebogene Kletterschuhe. Es fühlt sich an, als hätte man Jahre Rastalocken bis zum Hintern getragen und schneidet sich dann eine Glatze. Nach zwei Stunden klettern geht’s heim. Ich gehe barfuß zum Auto.

Und hier geht‘s zur Einleitung in die Sommerreihe

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