Interview mit Hartmut Binner vom Aktionsbündnis Aufgemuckt

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    • 23.06.12
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Wie Herzblut über einen Werbeetat siegte

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München/Frankfurt – Hartmut Binner und seine Mitstreiter vom Aktionsbündnis „AufgeMUCkt“ haben das geschafft, wovon die Aktivisten im Rhein-Main-Gebiet nur träumen: Sie haben eine dritte Startbahn am Münchner Flughafen verhindert. Von Norman Körtge

tmut Binner kämpf seit vielen Jahren gegen den Ausbau des Münchner Flughafens.

© nh

Hartmut Binner kämpf seit vielen Jahren gegen den Ausbau des Münchner Flughafens.

Durch das für Binner erfolgreiche Bürgerbegehren am vergangenen Sonntag ist die Stadt München als Mitglied der Gesellschafterversammlung gezwungen, mit „Nein“ zu stimmen. Da die Versammlung einstimmig votieren muss, ist die dritte Startbahn gestoppt. Im Interview erzählt Binner von seinem Kampf und die Kontakte nach Frankfurt.

Aus Ihrer Sicht: Ist die dritte Startbahn jetzt wirklich erledigt und können Sie sich zurücklehnen?

Nein, das Thema 3. Startbahn ist noch lange nicht erledigt. Das war jetzt nur ein beachtlicher, triumphaler und wesentlicher Teilerfolg, auf dem wir weiter unseren Widerstand aufbauen und ausbauen können und werden. Denn im Gegenteil, jetzt müssen wir hellwach bleiben. Wenn man hört, was Seehofer, Zeil und Söder nach einem überzeugenden Bürgerentscheid plötzlich sagen, muss man sich schon fragen, ob diese Politiker überhaupt wissen, wie man Demokratie schreibt oder sie umsetzt. Wir Betroffene sind aber jetzt in der glücklichen Lage, dass wir die kommenden Tage und Wochen noch unseren verdienten Sieg feiern und dabei aufmerksam zuschauen können, wie sich unsere Gegner Seehofer und Ude und die einzelnen Parteilager gegenseitig zerfleischen. Aber wir sind hellwach und rechnen mit hinterhältigen Manipulationen! Hat Sie der Ausgang des Bürgerbegehrens überrascht?

Hat Sie der Ausgang des Bürgerbegehrens überrascht?

Ich persönlich hatte nach jetzt sieben Jahren Widerstand als einer der Sprecher unseres großen Aktionsbündnisses (84 Mitglieder) und nach den zurückliegenden rund sechs Monaten Tag und Nacht währenden Kampfes an vielen Stellen gehofft, dass wir wenigstens die Mindestwahlbeteiligung, und damit einen großen Achtungserfolg erreichen. Von so einem überzeugenden Sieg aber habe ich nicht mal geträumt.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für den Erfolg?

Hier hat ganz klar die Leidenschaft und eigene echte Überzeugung unserer vielen tausend Mitstreiter den millionenschweren Werbeetat der FMG (Flughafen München GmbH, Anmerkung der Redaktion) einfach kompensiert und weggeschwemmt. Oder anders: Die Befürworter hatten zwar das Pulver, aber wir hatten und waren die besseren und echten Freunde. Unser Herzblut wurde ganz einfach unterschätzt.

Im Rhein-Main-Gebiet ist der Protest gegen den Fluglärm nach der Inbetriebnahme der Nordwest-Bahn noch einmal erheblich gewachsen. War Frankfurt eine Art Schreckensszenario?

Das hat uns nur etwas bestärkt. Denn unser Widerstand läuft schon seit über sieben Jahren mit voller Kraft, Leidenschaft und Emotionen. Wir waren über meine Medienarbeit immer voll darüber informiert, was auf uns zukommen würde. Wir gingen schon vor sieben Jahren mit 10.000 Menschen in meiner Heimatstadt Freising gegen das Raumordnungsverfahren auf die Straße und dann jedes folgende Jahr bis heute mit 18.000 und mehrmals mit 10.000 Demonstranten in München und anderswo.
Was heute in Flörsheim passiert, male ich persönlich unseren Betroffenen Menschen rund um den Flughafen schon seit über sechs Jahren über die Medien ständig als Schreckensszenario an die Wand. Mich wundert auch, warum die Flörsheimer und andere betroffene Startbahn-4-Gegner nur über Fluglärm und fast gar nicht über die gesundheitsschädlichen Kerosinrückstände sprechen. Ich weckte und wiegelte damit schon vor fünf Jahren unsere Mitbürger vor allem in Freising mit 46.000 Einwohnern auf und daher brachten wir auch rund 85.000 wohlbegründete Einwände zur Entscheidungsbehörde.

Im Internet gibt es bereits hämische Kommentare von Münchner Ausbaubefürwortern, die Frankfurt nach dem Ausgang des Bürgerbegehrens gratulieren, weil Fraport davon profitieren würde. Glauben Sie, dass durch Ihren Erfolg nun die Menschen im Rhein-Main-Gebiet noch mehr unter Fluglärm leiden müssen?

Nein! Denn gerade die Lufthansa nagt zur Zeit am Hungertuch. Wir wissen, dass zum Beispiel die Lufthansa in allen Bereichen ständig zurückrudert und Personal abbaut. Alle diesbezüglichen Aussagen und Prognosen der Lufthansa und unserer FMG sind derzeit nur Dampfplaudereien. Also liebe Frankfurter, habt keine Angst mit diesbezüglichen Verlagerungen der Lufthansa, das sind alles Nebelkerzen, um Euch und uns zu verwirren. Wir sind hier in Bayern mit unserer ‘Auf-Zeit-spielen-Strategie’ seit sieben Jahren auf einem guten Weg. Unsere zwei Startbahnen reichen bei angemessenem Wachstum leicht noch die nächsten zehn bis 15 Jahre. Und das wird den völlig von der Wirtschaft abhängigen politischen Entscheidungsträgern unserer bayerischen ‘Bananenrepublik’ in den kommenden zwei Jahren, vor allem vor den anstehenden Landtagswahlen, so lange um die Ohren gehauen, bis auch sie es verstehen.

Gibt es Kontakte zur Protest-Szene in Frankfurt?

Wir haben inzwischen Kontakte zu allen deutschen Flughafengegnern in Deutschland, mit denen wir im Frühjahr ja eine große gemeinsame Flughafen-Demo veranstalteten, so auch mit der Protestszene in Frankfurt. Und das wollen wir jetzt auch noch mehr ausbauen.

Wie arbeiten sie zusammen?

Die gemeinsame Demo war der Anfang. Es werden hoffentlich weitere Aktionen folgen. Gerade mit den Berlinern sind wir zur Zeit im Gespräch. Dabei stellten wir allerdings auch fest, dass an anderen Flughäfen zum Teil ganz andere Ziele verfolgt werden, als bei uns. Wir haben uns vor allem aufs Banner geschrieben: ‘Heimat und Schöpfung bewahren’, ‘Klimawandel bekämpfen’, ‘Flora und Fauna bewahren und erhalten’ und weiteres, mit dem sich die anderen Aktivisten in Deutschland nicht so sehr identifizieren, wie wir in unseren Verhandlungen feststellen mussten. Trotzdem werden wir weiter an einer Verknüpfung aller deutschen Bürgerinitiativen gegen diesen Flugwahnsinn arbeiten.

Was bekommen Sie aus Frankfurt mit?

Ich und viele von den Verantwortlichen unseres Aktionsbündnisses AufgeMUCkt mit inzwischen 84 Bürgerinitiativen lesen seit Jahren täglich über Google-Alerts viele Berichte über Frankfurt und ich persönlich verfolge diese Entwicklung schon lange und intensiv.

Würden Sie sich und ihre Mitstreiter als Wutbürger bezeichnen?

Nein, auf keine Fall! Für mich persönlich ist „Wutbürger“ inzwischen ein absolutes Schimpfwort, mit dem wir AufgeMUCkte uns nicht identifizieren können und wollen. Ich habe mich viel damit befasst und kenne die Ursprünge. Daher wehre ich mich auch in den Medien leidenschaftlich dagegen. Wir sind Menschen, die für etwas, wie die Heimat, die Gesundheit und die Bewahrung der Schöpfung eintreten und nicht gegen alles sind, was fortschrittlich ist, was in diesem Zusammenhang oft behauptet wird. Wir leben mit unserem gemeinsamen Flughafen und sind für dessen maßvolle und nachhaltige Weiterentwicklung. Aber wir lehnen dessen maßlosen Ausbau und eine menschenverachtende und unnötige 3. Startbahn ab. Ich als bayerischer Widerstandskämpfer, überzeugter ökumenischer Christ und Heimatbewahrer mit einem stark ausgeprägten „Mia-san-Mia-Gefühl“ im Bauch sehe uns eher als Vernunftbürger oder Mutbürger weil wir ja für alle hier lebenden und noch nachkommenden Menschen eine noch lebenswerte Umwelt erhalten und unsere gute „Mutter Erde“ durch vernünftiges Wachstum bewahren wollen.

 

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