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Therapeut kritisiert Bevorzugung der Mütter nach einer Trennung

Er fordert mehr Rechte für geschiedene Väter

Bad Homburg – Oft ziehen die Väter nach einer Trennung den Kürzeren in Sachen Sorgerecht. Für solche Fälle bietet der Familientherapeut Wolfgang Englert eine Gesprächsrunde an – nur für Männer. Von Julia Renner

Wolfgang Englert leitet eine Gesprächsgruppe für Väter, die sich mit Ex-Frau oder Ex-Freundin um das Sorgerecht der Kinder streitet.

© jule

Wolfgang Englert leitet eine Gesprächsgruppe für Väter, die sich mit Ex-Frau oder Ex-Freundin um das Sorgerecht der Kinder streitet.

Neun Jahre ist Christina heute alt und wird sich kaum noch daran erinnern können, dass ihre Eltern mal beide gleichzeitig für sie da waren. Als sie noch keine zwei Jahr alt war, trennten sich ihre Mutter und ihr Vater.

Gemeinsam fanden die Eltern eine Regelung, wer die Tochter wann sehen kann. Doch bald kam es zu Problemen: „Es gab Meinungsverschiedenheiten wegen des Unterhalts“, sagt der 45-Jährige Peter Neubert (Name geändert). Die Ex-Freundin drohte: Sollte er nicht mehr Geld zahlen, würde sie das Besuchsrecht einschränken. Für den Vater ein Schock, er schaltete einen Anwalt ein. In dieser Zeit kam es zu „Auseinandersetzungen“, wie Neubert sagt. Er wollte Christina holen, doch stand vor verschlossener Tür. In Peter Neubert schürte das die Angst vor einer „Entfremdung“ der Tochter. „Ich wollte aber nicht klein beigeben“, sagt Neubert.

Ein Gericht musste schließlich klären, wann die Tochter beim Papa sein darf. Mittlerweile, so sagt er, habe sich alles eingependelt. „Aber meine Ex-Freundin weiß, dass ich auf Einhaltung der Regeln bestehe.“

In den Jahren seit der Trennung hat Neubert oft zu spüren bekommen, dass „man als Vater am kürzeren Hebel sitzt. Man fühlt sich manchmal benachteiligt und als würde mit zweierlei Maß gemessen werden“.

Zwischen 80 und 90 Prozent der Kinder leben nach einer Trennung bei der Mutter

Und dieses Gefühl teilt er mit vielen anderen Ex-Männern und Vätern. Zwischen 80 und 90 Prozent der Kinder leben nach einer Scheidung oder Trennung bei der Mutter. Die Väter würden dabei oft vergessen, sagt Wolfgang Englert. Der Sozialwissenschaftler und Familientherapeut hat bereits 2006 eine Gruppe ins Leben gerufen: „Kinder brauchen auch den Vater – Väter vom Kind getrennt“. Alle 14 Tage treffen sich Peter Neubert und einige andere Leidensgenossen in Bad Homburg, um über ihre Sorgen zu sprechen. „Es wird darüber gesprochen, wie man Kränkungen aushalten und damit reflektierter umgehen kann“, sagt Englert. Erst dort würden viele Väter merken, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind, „sondern, dass es ein gesellschaftliches Problem ist“.

Englert kritisiert die „vorgegebene Rollenerwartung“ in Deutschland. Wenn es um Kleinkinder gehe, werde alles sehr „mutterlastig“. „Das Bild ‚Mann und Kind‘ ist zu wenig positiv besetzt“, sagt der 64-Jährige. Er würde deshalb am liebsten mehr Männer in Kitas und Schulen sehen, Männerbeauftragte in größeren Betrieben und statt Gleichstellungsstellen lieber „Genderreferate“ gründen, in denen auch Männer vertreten sind.

Auch in der Gesellschaft und der Politik müsse sich in Zukunft viel ändern. Damit auch Väter eine gerechte Chance bekommen, ihre Kinder mit zu erziehen. Denn: „Wenn das Kind nur bei einem Elternteil aufwächst, bekommt es auch nur die Hälfte der Welt mit.“

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