Facebook: Das kollektive Gedächtnis der Clique

Auf Facebook ist jeder ein Freund - zumindest heißt er dort so. Kann ein 14-Jähriger damit umgehen? Meistens schon. Soziale Netzwerke machen gemeinsame Erlebnisse für alle sichtbar.

Eine Freundschaftsanfrage schicken - das macht außerhalb des Internets niemand, und es klingt ziemlich absurd. Freundschaften entwickeln sich, würden die meisten sagen. In Online-Netzwerken hamstern die Menschen trotzdem fleißig “Freunde“, die oft nur flüchtige Bekannte sind. Dass Jugendliche beides nicht mehr voneinander unterscheiden können, ist aber ein Vorurteil. “14-Jährige können das viel besser, als wir denken, weil sie mit dem Internet großgeworden sind“, sagt Prof. Jaap Denissen von der Humboldt-Universität in Berlin.

Dass Jugendliche vorwiegend mit Fremden kommunizieren, sei ebenso überholt wie der Glaube, dass hoher Internetkonsum soziale Vereinsamung bedeutet, erklärt der Psychologe. Neue Studien legen eher das Gegenteil nah: Vielsurfer sind auch im “echten Leben“ sozialer. Die grundlegenden Bedürfnisse der Jugendlichen haben sich nicht geändert: “Sie verorten sich in Cliquen und Szenen, und das machen sie auch in sozialen Netzwerken.“

Bleibt also alles beim Alten? “Nein“, sagt Jan-Hinrik Schmidt. “Durch das Internet haben Jugendliche eine größere Bühne als früher“, erläutert der Social-Web-Forscher vom Hans-Bredow-Institut in Hamburg. “Partys, Urlaube, Konzerte - das alles wird im Netzwerk durch Fotos und andere multimediale Eindrücke permanent gespeichert.“ Im Vergleich zum Tagebuch oder Poesiealbum können die Freunde das Geschehene außerdem fortlaufend kommentieren, erweitern und neu verknüpfen. “Netzwerke wie Facebook werden zum kollektiven Gedächtnis einer Clique.“

Der große Facebook-Knigge

Der große Facebook-Knigge

Und die Pubertät sei eben die Zeit der Cliquen, sagt Denissen. Berufliche Kontakte gebe es noch nicht, vielen fehle die romantische Erfahrung der Liebe. Jugendliche definieren sich noch sehr stark über die Gruppe. “Man fährt zusammen an den See, man hört die gleiche Musikrichtung, zum Beispiel Gothic oder Rap.“

Soziale Netzwerke liefern die soziale Bestätigung für diese Zusammengehörigkeit. “Früher im Schullandheim haben wir uns gegenseitig die Tornister mit Edding beschrieben“, erzählt Schmidt. “Wir wollten ausdrücken, dass wir zusammengehören, das war ein öffentliches Signal.“ Heute geht das über Facebook viel einfacher, und die Reichweite ist größer. Das Motiv bleibt: “Das Fotoalbum vom gemeinsamen Urlaub soll ausdrücken: Wir sind beste Freunde, wir machen coole Sachen.“

Das soziale Netzwerk ist keine Parallelwelt, sondern eine Erweiterung des Alltags. Auf Online-Plattformen finde oft vor und nach einem Face-to-face-Treffen Austausch statt, hat Schmidt beobachtet. “Da kann es um die Urlaubsplanung gehen und einer fragt: Was brauchen wir noch?“ Es sei leicht, ohne Hürden mit einem größeren Kreis zu kommunizieren. “Früher musste ich alle anrufen.“

Einen praktischen Nutzen - neben dem Festhalten von Erlebnissen - sieht auch Juliane Stopfer, Diplompsychologin von der Uni Mainz. “Wir können Kontakte selbst zu weit entfernt wohnenden Freunden aufrechterhalten, vertiefen und reaktivieren.“ Und es sind mehr Einblicke möglich: “Wir lernen Seiten an einer uns nahe stehenden Person kennen, die uns bisher verborgen waren, zum Beispiel durch die Fotos aus dem Familienurlaub.“

Auch das Kontakteknüpfen wird leichter. “Wer früher als Außenseiter galt, findet heute viel eher Anschluss. Das ist ziemlich deutlich belegt“, erklärt Denissen. Vor allem Schüchternen, die vielleicht nicht so locker-flockig reden können, falle es leichter, Freundschaften zu schließen. Es gibt eine zeitliche Distanz, man kann in Ruhe die Gedanken ordnen und Oberflächlichkeiten treten nicht so sehr in den Vordergrund.

Pubertät heißt allerdings auch Veränderung. Es sei deshalb problematisch, wenn alles gespeichert wird, sagt Schmidt. “Eine 15-Jährige schreibt ihrer Freundin zum Beispiel 'best friends forever' auf die öffentliche Pinnwand - aber Freundschaften gehen auch in die Brüche.“ Manche Beiträge im Internet bleiben. “Noch ist es völlig offen, wie wir damit umgehen werden.“ Nicht jeder sei so selbstbewusst, dass er über allem, was er mal früher gesagt hat, drüberstehen kann.

Jaap Denissen rechnet mit einer Abkehr von der pauschalen Kommunikation nach dem Motto “jeder mit jedem“. “In der Zukunft wird sich das Prinzip durchsetzen: Das eine möchte ich nur mit meiner Familie teilen, das andere nur mit meinen Freunden.“ Soziale Netzwerke seien ein neues Ventil für unsere grundlegenden Bedürfnisse, sagt der Psychologe. Das neue soziale Netzwerk Google+ zum Beispiel teilt Bekanntschaften in “Circles“, also “Kreise“ ein. Das klingt stark nach Freundeskreis und ist gar nicht so weit vom “echten“ Leben weg.

Nicht jeden als “Freund“ hinzufügen

Nicht jeder muss alles sehen - und es muss auch nicht jeder ein “Freund“ im sozialen Netzwerk werden. “Jugendliche sollten sich nicht verpflichtet fühlen, alle Einladungen anzunehmen“, rät der Web-Experte Jan-Hinrik Schmidt. Es sei nicht unhöflich abzulehnen - aber mit Begründung. “Man kann sagen: Das hier ist ein Bereich nur für meine engen Freunde.“ Auch die Eltern dürften draußen vor bleiben. “Elterliche Kommentare auf der Pinnwand können genauso peinlich sein wie wenn sie nachts am Ausgang der Disco auftauchen.“

dpa

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