Dunkelziffer ist deutlich höher / Opfer kämpfen mit psychischen Folgen

Exhibitionisten: Diese Fälle erschüttern Rhein-Main

Oft geht die Belästigung über das pure Entblößen hinaus. Viele Täter spielen an sich herum. Für die Frauen können solche Begegnungen schlimme psychische Folgen haben.

Region Rhein-Main – Die Zahlen der Exhibitionistenfälle in der Rhein-Main-Region häufen sich. Für Frauen ist die Begegnung mit einem solchen Kerl meist traumatisch. Das Schlimmste sind dabei die Angst vor einer Vergewaltigung – und die psychischen Folgen. Von Christian Reinartz

Nur selten gab es eine solche Häufung von Fällen von Exhibitionisten in Rhein-Main. Selbst bei der Polizei hat man wahrgenommen, dass sich die Anzeigen häufen. Nicht immer geht es dabei nur um das bloße Blankziehen vor einer Frau in der Öffentlichkeit. Die Täter spielen an sich herum, onanieren oder machen obszöne Gesten.

Das Protokoll der Vorfälle zeigt, wie ernst die Lage ist:

28. April, Hanau: Ein Mann verfolgt eine Frau mit heruntergelassener Hose.

24. Mai, Mühlheim: Mann onaniert in einem Gebüsch und verfolgt eine Passantin, greift sie bei der Hand.

13. Juni, Hofheim: Mann onaniert offen im Saunabereich der Hofheimer Therme.

1. Juli, Langen: Urplötzlich entblößt sich ein Mann vor einer Frau auf dem Weg zum Schrebergarten

11. Juli, Seligenstadt: Ein Mann steht in einem Gebüsch und lässt seine Hose vor zwei Passantinnen runter.

15. Juli, Münster: Als eine Frau am Fluss sitzt, kommt ihr ein Mann auf dem Fahrrad entgegen und onaniert dabei.

15. August, Mörfelden: Ein junger Mann spricht eine etwas ältere Frau an und zieht sich plötzlich vor ihr aus.

18. August, Hofheim: Der Täter tritt plötzlich aus einem Gebüsch heraus, öffnete seine Hose und fasste sich an die Genitalien.

18. August, Hattersheim: Ein älterer Mann entblößt und befriedigt sich selbst vor zwei Kindern.

22. August, Oberursel: Ein Mann verfolgt eine Frau bis nach Hause. Als sie aus dem Fenster blickt, reißt er sich die Hose runter und spielt an seinen Genitalien herum.

24. August, Mühlheim: Ein Mann springt vor zwei Spaziergängerinnen aus dem Gebüsch, lässt die Hose herunter und verfolgt sie.

Allein in Stadt und Kreis Offenbach gab es laut Polizeipräsidium Südosthessen im Jahr 2015 57 Fälle von Exhibitionismus. Mit dabei auch einige Enblößungen vor Kindern.

Frankfurter Polizei veröffentlicht Fälle nicht mehr

Besonders erschreckend: In Frankfurt meldet die Polizei Fälle von Exhibitionismus nicht mal mehr der Öffentlichkeit. Polizeisprecher Manfred Füllhardt: „Wir können nicht jedes Vorkommnis melden. Das machen wir nur, bei besonders hartnäckigen Fällen.“

Für die Opfer ist eine Begegnung mit einem Exhibitionisten in vielen Fälle traumatisch. Denn die Frauen fühlen sich dabei oft hilflos ausgeliefert. Meist zeigen sich die Männer ihnen in einem Park oder einer verlassenen Gegend. „Zu dem widerlichen Anblick kommt dann noch die Angst davor, dass der Exhibitionist auch körperlich übergriffig werden und eine Vergewaltigung folgen könnte“, sagt der Landesvorsitzende des Opferverbands „Weißer Ring“, Horst Cerny. Er hat als Kriminaloberrat in zahlreichen solcher Fälle ermittelt. „Und auch, wenn nichts passiert, kann das für die Opfer weitreichende psychische Folgen haben. Sie trauen sich nicht mehr allein auf die Straße, meiden die Dunkelheit oder haben Angstattacken. Deshalb raten wir Opfern auch psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.“

Laut Cerny seien die angezeigten Fälle aber nur die Spitze des Eisbergs. „Die Dunkelziffer liegt ganz sicher viel höher. Viele Frauen machen nach einem solchen Vorfall erst gar keine Anzeige, weil sie fälschlicherweise glauben, das der Täter sowieso nicht ermittelt wird“, sagt Horst Cerny. Sein Tipp: „In jedem Fall den Vorfall bei der Polizei anzeigen und sich den Täter einprägen, um eine genaue Personenbeschreibung abzugeben.“

Kriminal-Psychologin: „Viele sind unauffällig“

Deutschlands bekannteste Kriminal-Psychologin Lydia Benecke kennt sich mit Exhibitionisten bestens aus. Sie gehören zu ihren Patienten. Warum entblößt sich jemand in der Öffentlichkeit? 

Die typischen erwachsenen Exhibitionisten wollen mit ihrem Verhalten sexuelle Macht ausüben sowie Frust und Aggressionen abbauen. Sie erhoffen sich Erschrecken und Ekel. Durch die Distanz und den Überraschungseffekt haben diese Täter Kontrolle. Die Tat selbst erregt sie. 

Welcher Typus Mensch macht so etwas? 

Viele Exhibitionisten sind im Alltag völlig unauffällig, viele leben in festen Beziehungen und haben dabei auch eine Beziehungssexualität, die unberührt von ihren exhibitionistischen Aktivitäten bleibt. Allerdings sind sie selbstunsicher. Dies kaschieren sie im Alltag, stauen aber häufig Frust auf, der sich in ihren exhibitionistischen Handlungen entlädt. 

Sind Exhibitionisten gefährlich? 

Die meisten von ihnen würden die Flucht ergreifen, wenn ihr Opfer selbstbewusst reagiert, da in diesem Moment die Kontrolle verloren geht und der stark selbstunsichere Persönlichkeitsanteil aktiviert wird. Jedoch gibt es auch eine kleine Gruppe, die sich später auch zu Vergewaltigern „weiterentwickelt“. 

Was geht bei diesen Leuten dabei im Kopf vor?

Viele Exhibitionisten erleben ihre Handlungen häufig als fremdartig und im Nachhinein sogar beschämend. Dennoch treibt sie ihr innerer Drang immer wieder dazu, vor allem in Zeiten besonderer Anspannung. Da ihnen der Zugang zu ihrem Problem und die Kontrolle darüber meistens fehlt, lege ich allen Betroffenen nahe, sich einen Therapeuten zu suchen.

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